An Heir of Anna Stein demands of the Nestroyhof: "They should be forced to give it back!"



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Luxuriös lebte Anna Stein mit ihren vier Kindern in einer Zehn-Zimmer-Wohnung im Nestroyhof, die ein gesamtes Stockwerk einnahm. Die Flucht vor den Nazis kostete der Familie nicht nur die Immobilie, sondern das gesamte Vermögen. Verarmt und depressiv verstarb Anna Stein noch in den 40er- Jahren in New York. Der Nestroyhof wurde 1940 durch Arisierung der Industriellenfamilie Polsterer zugesprochen. 1951 konnte ein Rückstellungsverfahren durch einen fragwürdigen Vergleich abgeschmettert werden. Nun meldet sich eine Enkelin Anna Steins zu Wort.

Viele Erinnerungen an Wien habe sie nicht, dafür auch keine negativen, erklärt die am 25. Mai 1933 geborene Erica Lindenstraus, die heute in New York lebt. Ihre Mutter Aranka, die Tochter der Nestroyhof-Besitzerin Anna Stein, heiratete mit 20 Jahren den Pharmazeuten Samuel Schlomo Rosenzweig. Vom Balkon ihrer Wohnung am Parkring Nr. 16 aus sahen sie auf den Stadtpark, wo Erica als Kind oft spielte. Im Mai 1938 täuschte die Familie Rosenzweig eine Geschäftsreise in die Schweiz vor. Durch dieses Manöver, bei dem sie alles liegen und stehen ließen, gelang die Flucht über Nizza und London nach New York. Fluchtbudget war ein Schweizer Konto, das Anna Stein auf den Mädchennamen Arankas eingerichtet hatte, und so vor den Nazis verborgen geblieben war. In der Schweiz waren Flüchtlinge nur mit dem entsprechenden „Kleingeld“ willkommen. Erica war damals fünf Jahre alt.

Nach einer langen Zeit in Hotels und provisorischen Unterkünften schafften es die Rosenzweigs aufgrund des damals günstigen Immobilienmarkts, ihre Wiener Wohnverhältnisse in New York wieder herzustellen. Ihr Blick fiel ab nun aber auf den Central Park. Geschäftlich konnte Ericas Vater trotz zahlreicher Erfindungen wie etwa einem Nasen-Spray und einem Zigarettenfilter in den USA nicht mehr Fuß fassen. „Er hatte keine Kraft mehr“, erinnert sich Erica Lindenstraus. Zumindest gelang es ihm nach Ende des Krieges, die Patentrechte auf seine in Österreich entwickelten Produkte und Geld für seine enteignete Firma einzuklagen, was das finanzielle Überleben der Familie sicherte. Zeit seines Lebens wollte er nicht mehr nach Wien zurück. Erst nach seinem Tod wagten Aranka und Erica wieder eine Reise nach Europa, allerdings nicht nach Wien. In New York lernte Erica dann ihren Mann kennen, Jerry Lindenstraus, der auch eine Geschichte der Flucht hinter sich hat. Mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn besuchten sie 1976 erstmals wieder Wien und Erica fand ihre damalige Wohnung als Schauraum eines Klaviergeschäfts wieder.

Glamour und Exil

Über die Umstände der Flucht von Anna Stein - Ericas Großmutter - ist nicht viel bekannt, dafür aber einiges über ihren hohen Lebensstil davor. In erster Ehe heiratete sie den ungarischen Winzerkönig Maximilian Goldschmidt und gebar drei Töchter und einen Sohn in relativ kurzer Zeit. Sein früher Tod brachte eine große Erbschaft und ermöglichte Anna Stein ein großspuriges Leben in Prag und Wien sowie ausgedehnte Weltreisen. Ihre Tochter - Ericas Mutter - Aranka wurde dabei zu ihrer Reisegefährtin und schloss so ihre Schulbildung nur dürftig ab. Ihren späteren Nachnamen verdankte Anna dem Wiener Neurologen Ludwig Stein, mit dem sie eine Zweckehe einging. Er „adelte“ sie zur „Frau Doktor“ und sie finanzierte ihm eine Praxis in Döbling. Anna Stein verließ Wien erst sehr spät, 1940. Nach wenigen Jahren verstarb sie verarmt und depressiv in einem kleinen Appartement in Manhattan.

Ein Haus und mehr

Ganz anders wirkte sich die Machtergreifung Hitlers in Österreich auf das Schicksal der Industriellenfamilie Polsterer aus. Wie Gestapo-Dokumente belegen, die sich mit der Überprüfung ihrer Parteitreue befassen, interessierten sich Alfred, Ernst, Ludwig, Richard und Rudolf Polsterer in den 30er-Jahren intensiv für jüdische Immobilien. Bis heute ist die Familie im Besitz von zumindest zwei Gebäuden, die eine jüdische Vergangenheit haben: Das Haus in der Schottenfeldgasse 60, in dem sich auch ein jüdischer Gebetsraum befand, und dem Nestroyhof in der Praterstraße 34. Einflussreiche Nazis wie Franz Böhme, Leiter der damaligen „Hermann-Göring- Werke“ (heute VÖST Alpine) und Neffe des gleichnamigen „Schlächters vom Balkan“, wurden in die Familie eingeheiratet.

Nach dem Krieg betrieben sie Mehlmühlen und kauften die von den US-Besatzungsmächten gegründete Tageszeitung „Kurier“. 1950 stellten Anna Steins Kinder Aranka Rosenzweig, Melanie Arendt, Leontine Goldschmidt und Michael Goldschmidt einen Antrag auf Restitution des Nestroyhofs. Und obwohl ihnen die Rückstellungskommission Recht zusprach, schlossen sie mit der Familie Polsterer 1951 einen Vergleich ab, in dem sie auf sämtliche Ansprüche verzichteten. Erica Lindenstraus war damals eine Teenagerin. Die Entscheidung ihrer Elterngeneration, dieses Papier zu unterschreiben, kann sie heute nicht mehr nachvollziehen: „Da wurde wohl Druck auf sie ausgeübt“, mutmaßt die Erbin. Nachdem keiner der damaligen AntragstellerInnen in Wien lebte und der Einfluss der Industriellenfamilie Polsterer offensichtlich nicht unbedeutend war, kann von einem Vertrag auf „gleicher Augenhöhe“, wie es juristisch so schön heißt, in jedem Fall keine Rede sein.

Entrechtende Gesetze

Mit der österreichischen Restitutionsgesetzgebung hat Erica Lindenstraus schon Erfahrungen gemacht. Das Belvedere vermutete nämlich bei einem Gemälde der Sammlung den Besitz durch ihren Vater Samuel Rosenzweig. In den Archiven fand sich dann auch ein von Rosenzweig gestellter Antrag auf Export von 11 Gemälden, allein die Liste dazu fehlt. Das Restitutionsverfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Im Jänner 2001 wurde zwischen Bill Clinton und Wolfgang Schüssel das so genannte „Washingtoner Abkommen“ unterschrieben, das danach in aller Eile in ein nationales Gesetz gegossen wurde, um die so genannte „Naturalrestitution“, also die Rückgabe von durch die Nazis gestohlenen Güter, ab sofort zu regeln. Grundsätzlich würde dieses Gesetz den Erbinnen von Anna Stein entgegenkommen. Es sieht etwa vor, dass bereits abgeschlossene Vergleiche, bei denen eine offensichtliche „extreme Ungerechtigkeit“ vorliegt, als gegenstandslos betrachtet werden können und damit wieder Rechtsanspruch auf die Güter besteht. Die österreichische Restitutionsgesetzgebung bezieht sich allerdings ausschließlich auf Güter im Besitz der öffentlichen Hand. Eine Rückgabe von Raubgut, das sich heute in Privatbesitz befindet, ist nicht vorgesehen. Das entbehrt nicht eines gewissen Zynismus, denn den Opfern ist es schließlich egal, von wem sie beraubt wurden. Erica Lindenstraus hat auf alle Fälle noch nicht aufgegeben, derzeit prüft sie rechtliche Möglichkeiten abseits der Restitutionsgesetze. In jedem Fall betont sie, dass sie und ihre in Kalifornien lebende Cousine Ruth Wilkins, Melanie Arendts Tocher, zu gleichen Teilen erbberechtigt sind.

Eine Pauschalentschädigung lehnt Lindenstraus in jedem Fall ab: „Ich will nicht das Geld, ich will das Haus. Und wenn wir das Haus haben, soll es wieder zu einem jüdischen Theater werden. Und natürlich sollte die Schönheit des Hauses wieder hergestellt werden. Das wäre wirkliche Gerechtigkeit.“ Nachdem sie nicht mit einer freiwilligen Rückgabe des Hauses durch die Polsterers rechnet, ist für sie klar: „Sie sollten zur Rückgabe gezwungen werden!“ Mit ihrem Sohn spricht sie oft über das Haus in Wien, denn sie will den Fehler ihrer Mutter Aranka nicht wiederholen, die über ihr widerfahrenes Unrecht nie gesprochen hat. Denn erst durch die Rercherche zweier engagierter JournalistInnen und durch die Initiative „Restore the Nestroyhof“ erfuhr sie vergangenes Jahr über den Besitz ihrer Großmutter.

Tipp: Am 7. April bringt Radio Augustin zwischen 15:00 und 16:00 Ausschnitte aus dem Interview mit Erica Lindenstraus. Der gesamte Text des Interviews mit Erica Lindenstraus wird auf www.augustin.or.at zu finden sein.

Text: flom

Copyright © 2008 Augustin

Fototexte:
1: Anna Stein in New York: Verarmt und vom Schicksal gezeichnet starb die einstige Nestroyhof-Besitzerin.
2: Anna Stein und ihr erster Mann Maximilian Goldschmidt, von dem sie früh seinen Reichtum erbte.
3: Aranka Rosenzweig und Tochter Erica am Balkon ihrer Wohnung am Parkring Nr. 16.
4: Erica Lindenstraus im Alter von 15 Jahren: Den Stadtpark tauschte sie gegen den Central Park ein.
5: Erica Lindenstraus im Alter von 8 Jahren vor einem Hotel, das ihnen lange Zeit als Unterkunft diente.
6: In New York war das erfahrene Unrecht kein Thema mehr: Erica Lindenstraus mit ihren Eltern im Alter von 14 Jahren.
7: „Wie ein Schloss“, so beschreibt die Enkelin die Wohnverhältnisse ihrer Großmutter Anna Stein.
8: Anna-Stein-Erbin Erica Lindenstraus mit Mann Jerry anno 2008: Sie wollen den Nestroyhof zurück.

Fotocredits:
Fotos 1-6: Privatbesitz
Foto 7: Aktionskatalog Rudolfs Lepke’s Kunst-Auctions-Haus, Berlin
Foto 8: © flom 2008
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