Soll dieser Film in Österreich freigegeben werden?


Eröffnungsrede anlässlich
der Filmvorführung des NS-Propagandafilms
„Jud Süß“ (1940)


Warren Rosenzweig, Künstlerischer Leiter
Jüdisches Theater Austria
1. Okt. 2012, Wien

In den dreizehn Jahren seit der Entstehung des Jüdischen Theaters Austria habe ich durch meine Arbeit als Begründer und Leiter einiges erfahren, u.a. über das Verhältnis zwischen der noch jungen, zweiten Republik Österreich und seine, einerseits große, anderseits furchtbare Vergangenheit. Mit der bevorstehenden Veranstaltungsserie „Aufgerissene Fenster“ ist es unsere Absicht, einigen kritischen Reflektionen öffentlich nachzugehen. Diese betreffen vor allem Dinge, die in Österreich noch zu bewältigen sind, wenn wir die weitere Entwicklung unserer Demokratie absichern wollen.

Kritik ist eine gemeinschaftliche Aufgabe und eine Verantwortung. In dem Moment, in dem wir glauben, dass wir in Österreich zufrieden sein sollten, weil wir es besser haben als viele andere Länder in der heutigen Zeit, dass wir in einer „Nicht-Jammerzone“ leben, dass die Regierung eher unsere Gehorsamkeit braucht als unsere Kritik – gerade in diesem Moment beginnt die Hoffnung abzunehmen, dass die Zukunft freier und menschenwürdiger sein wird als die jüngste Geschichte.

Ein ganz spezieller Fokus in „Aufgerissene Fenster“ hat mit der Beziehung zwischen politischer Macht und Ehrgeiz in der Kunst zu tun. Wie sieht diese Beziehung heute aus? Von Beginn an hat sich das Jüdische Theater Austria für politische Unabhängigkeit in der Kunst ausgesprochen und gegen jede Art politischer Kontrolle oder Intervention agiert. Aus diesem Grund ist es besonders passend, die Veranstaltungsserie „Aufgerissene Fenster“ mit der Vorführung von „Jud Süß“ zu eröffnen: ein in Österreich verbotenes, jedoch ganz wichtiges Filmdokument.

Dieser Film ist in Österreich fast unbekannt. In Deutschland weist er einen etwas höheren Bekanntheitsgrad auf, obwohl er auch dort stark reguliert wird. In Frankreich und Italien ist „Jud Süß“ ein Film, dem nicht leicht zu begegnen ist, aber in allen anderen demokratischen Ländern der Welt ist er mehr oder weniger anerkannt als ein historisches Dokument, das zugänglich sein muss, um u.a. zumindest die Chance zu geben, eines der verblüffendsten Kapitel der menschlichen Geschichte ernsthaft untersuchen zu können.

Ich soll Sie warnen: „Jud Süß“ ist weder ein sachbezogener Dokumentar- noch ein Kinderzeichentrickfilm. Es ist nationalsozialistische Propaganda. Wie alle anderen Spielfilme, ob aus Hollywood, Bollywood oder der französische Nouvelle Vague, ist er gar nicht objektiv. Obwohl er im realistischen Stil gefilmt wurde und von geschichtlichen Ereignissen handeln soll, entsprechen weder die Perspektiven noch die Informationen, die in diesem Film vorkommen, der sogenannten „Wahrheit“. Ohne so eine Warnung entsteht die Gefahr (meint man), dass Sie vielleicht alles glauben könnten, was in diesem Film vorkommt. Also, glauben sie bitte nicht daran.

„Jud Süß“ wurde mehr oder weniger von Josef Göbbels selbst produziert. Es war sein Propaganda-Meisterwerk. Er hat die österreichischen Hauptdarsteller selbst ausgesucht und hat die Finanzen des Propagandaministeriums zur Verfügung gestellt. Im August 1940, als er die endgültige Fassung des Films gesehen hatte, hat er das Werk in seinem Tagesbuch so beschrieben: „Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film wie wir ihn uns nur wünschen können. Ich freue mich darüber.“ Heinrich Himmler hat zugestimmt. Er war so begeistert, dass er sofort alle Mitglieder der SS und der Gestapo sowie alle Leute, die in den KZ-Lagern arbeiteten bzw. in der Umgebung von solchen lebten, aufgefordert, den Film noch vor Ende des Jahres 1940 zu sehen.

Bis 1943 haben den Film „Jud Süß“ mehr als 20,3 Millionen Menschen des Deutschen Reiches gesehen und somit wurden sie seelisch besser auf die Vernichtung des europäischen Judentums vorbereitet. Man wundert sich: Wie kann es überhaupt möglich sein, dass so viele österreichische und deutsche Menschen diesen Wahnsinn mitgemacht haben? Wie kann eine Regierung seine Bevölkerung so weit bringen, dass sie zu Folter und Schlachtung von Millionen von Menschen fähig sein konnten? Hatte mein geliebter Opa, meine geliebte Oma, auch nur das Geringste damit zu tun haben können? Der Film „Jud Süß“ – bei weitem der erfolgreichste antisemitische Propagandafilm des Dritten Reiches, seither lange verbannt in Österreich – kann uns die Antworten auf solche Fragen natürlich nicht liefern. Aber wenigstens kann er uns helfen, die potentielle Gefahr von staatsregulierter Kunst und Kultur besser zu verstehen.

Ab morgen, dem 2. Oktober, wird der Film „Jud Süß“ weitere fünf Mal hier in The Window vorgeführt, jedes Mal mit einer Einführung und einer anschließenden Diskussion, jeweils zu einem neuen Thema. heute: „Soll dieser Film in Österreich freigegeben werden?“
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