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Volksgruppen@orf.at - Nov. 21, 2005

Ein Raum für jüdische Kultur in Wien

GEISTIGE WIEDERGUTMACHUNG

[English translation is forthcoming.]

Seit Jahren bemüht sich das Jüdische Theater Austria (JTA) um eine permanente Spielstätte. Damit soll der jüdischen Kultur in Österreich die ihr gebührende Stellung eingeräumt werden, wie heute der künstlerische Leiter des JTA, Warren Rosenzweig, betonte.

"Neubeginn" mit Nestroyhof
Die Shoah hat ein großes schwarzes Loch hinterlassen, mit dem Jahr 1938 habe die jüdische Kultur in Wien geendet und auch nach 1945 könne von einer solchen nicht die Rede sein. Nun soll es zu einem "Neubeginn" kommen, sagte Rosenzweig bei einer Diskussion mit dem Titel "Braucht Österreich eine lebende Jüdische Kultur" und präsentierte ein konkretes Projekt: die Wiedererrichtung des Nestroyhofs im 2. Bezirk als Spielstätte für jüdische Kultur.

Input der lebenden Juden
Für die Schauspielerin Inge Maux, die zuletzt in der Produktion des einzigen jüdischen Theaters Österreichs "Pessach - Ramadan" zu sehen war, geht es um eine "kulturelle Wiedergutmachung". "Braucht Österreich nicht den Input der Juden, und nicht nur der toten?", stellte Maux die Frage in den Raum. Mit dem neuen Theater als Spielstätte und Plattform für den Austausch sollten nicht nur die Dinge der Vergangenheit bewahrt werden, sondern auch neue Wege gegangen werden.

Jüdisch heißt international
Rosenzweig schwebt ein Theater vor, das Stücke von vertriebenen Juden genauso aufnimmt wie zeitgenössische Stücke junger Autoren, die Juden sind oder von der jüdischen Kultur stark geprägt sind, ohne sich dabei geographisch oder sprachlich festlegen zu wollen. Ähnlich stellt sich Rosenzweig auch die Auswahl der Schauspieler vor. Das Jüdische sei heute etwas Internationales, so der in New York aufgewachsene Rosenzweig.

Geschichte des Nestroyhofes
Bei dem Nestroyhof in Wien-Leopoldstadt handelt es sich um ein Jugendstilgebäude, das 1898 von Oskar Marmorek gestaltet und bis 1938 als Stätte jüdischen Theaters fungierte. 1940 wurde das Haus enteignet und nach dem Krieg von der Rückstellungskommission den Erben der früheren Besitzerin Anna Stein zugesprochen. Doch die Erben schlossen 1951 einen Vergleich, in dem sie für die Summe von 3.500 Schilling das Haus zu Gunsten der Familie, die ab 1940 als Besitzer eingetragen war, verzichteten. In den letzten Jahrzehnten funktionierte das Haus als resopalverkleideter Supermarkt, und das sei auch der Grund dafür, dass es sich relativ gut erhalten konnte, wie Rosenzweig hervorhob.

Fehlende Zusagen
Mit einem laut eigenen Angaben umfassenden Antrag hat sich das JTA an die Stadt Wien gewandt, um sowohl für eine Renovierung des Hauses als auch für eine ständige Subventionierung des Theaters finanzielle Mittel zu bekommen. Nach wie vor ist aber unklar, ob das geschichtsträchtige Haus in der Praterstraße 34, das Platz für etwa 250 BesucherInnen hätte, von der Besitzerfamilie für diese Zwecke verkauft, vermietet oder überhaupt hergegeben wird. Rosenzweig sprach auch von anderen bekannt gewordenen Plänen, wie etwa die Beherbergung eines Gastronomie- und Club-Betriebs im Nestroyhof.

"Was ist jüdisches Theater"
Künstler Arik Brauer warnte davor, ein Theater nur deshalb zu schaffen, weil es explizit jüdisch ist. Darüber hinaus stoße er sich an der Begrifflichkeit "jüdisches Theater", was wiederum im Publikum zu Unverständnis führte. Jüdisches Theater bedeute Vermittlung des "jüdischen Geistes" oder heiße auch das freie Bekenntnis von jüdischen Schriftstellern zu ihrer Herkunft, so die Argumente aus dem Publikum.

"Wiedergutmachung geistiger Art"
Der Schauspieler Erwin Strahl sprach in diesem Zusammenhang von einer "Wiedergutmachung geistiger Art". Damit solle das aufgeholt werde, was die "grausame Vergangenheit" genommen hat. Seiner Meinung nach sollte in diesem Theater der jüdische Geist gezeigt werden, dies aber nicht nur für "Insider", womit er höchstwahrscheinlich jene jüdische Bevölkerung gemeint hat, die auch sonst an jüdischen kulturellen Veranstaltungen teilnimmt.

Bedarf nach jüdischem Theater?
Ähnlich auch die Argumentation des Journalisten Peter Michael Lingens, der nachfragte, ob es für ein solches Theater überhaupt einen Bedarf gebe. Anne Wiederhold - die zweite Schauspielerin im Stück "Pessach - Ramadan" - hob hervor, dass es nicht Aufgabe der Juden in Wien sei, ein solches Theater zu bekommen, sondern eine kulturpolitische Aussage und damit Aufgabe der öffentlichen Hand. Und natürlich sollte es ein Theater für alle - für die jüdische und nicht-jüdische Bevölkerung - sein.

Für Warren Rosenzweig, der das Jüdische Theater Austria 1999 gegründet hat und ohne Subventionen der Stadt Wien und von Seiten des Bundes auskommen muss, ist der Nestroyhof der ideale Platz für ein solches Vorhaben. Um auch die Stadt Wien und Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) von dem Projekt zu überzeugen, soll nun der Journalist Lingens einspringen - wie er sich selbst angeboten hat.

Tatjana Koren, volksgruppen.ORF.at


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